Kunst, Schönheit, Objektivität

Der Versuch einer Ästhetik aus „ersten Gründen“: Das Schöne ist ein fremdes, ungreifbares und doch teilweise objektivierbares Element.

  26. Dezember 2013

Kunst betrifft das Schöne.

Das ist nicht wirklich eine Definition. Ich möchte Kunst unter dem Aspekt der Schönheit betrachten, unter einem ästhetischen Gesichtspunkt. Andere – soziale, politische, ethische, etc. – Aspekte der Kunst werden dabei vernachlässigt. Hier liegt schon eine Wertung vor!

Das Gute, das Wahre, das Schöne

Das Schöne lässt sich am einfachsten negativ fassen: es ist weder das moralisch Gute noch das Wahre, aber dennoch ist es ein Zweck an sich.

Im Unterschied zum moralisch Guten beruht das Schöne nicht auf einer Verallgemeinerung der eigenen menschlichen Würde.1 Schönheit ist immer fremd, das moralisch Gute erkennen wir hingegen in und an uns selbst.

Die Wahrheit befasst sich auch mit externen Elementen, besitzt aber im Gegensatz zur Schönheit ein allumfassendes rationales Regulativ. Wahrheit kann vollständig rational begriffen, damit auch verinnerlicht und beherrscht werden, Schönheit kann nur partiell rational erfasst werden und entzieht sich damit dieser Aneignung. Schönheit kann man nicht mitnehmen, sie bleibt immer extern verhaftet.

Das ästhetische Streben ist deshalb ein demütiges – Schönheit soll geehrt werden. Wollte man einen ästhetischen Imperativ formulieren, so könnte er lauten:2

„Du sollst das Schöne suchen und hervorbringen, um es zu ehren.“

Wenn man so will, ist Schönheit die ungreifbare Schwester der Wahrheit.

Die Objektivität des Schönen

Die Kategorie des Schönen als Grundlage für eine Ästhetik zu wählen führt zu tiefgreifenden Konsequenzen. Eine davon ergibt sich aus der eben erwähnten Nähe der Schönheit zur Wahrheit: Kunst kann, zumindest teilweise, objektiv beurteilt werden.

Den Versuch des ästhetischen Imperativs hätte ich deshalb auch nicht als „ehre was du als schön empfindest“ formulieren können. Wenn das subjektive ästhetische Empfinden, das sich zum Beispiel in unmittelbaren Gefallen oder Missfallen äußert, für die Ästhetik eine Rolle spielen soll, dann nur als ein Weg zum Schönen. Also könnte man sagen:

„Über Geschmack lässt sich nicht streiten, über das Schöne – über Kunst – schon.“

Diese Festlegung führt dazu, dass Schönheit, und die damit assoziierten ästhetischen Werte, nicht beliebigem Wandel unterworfen sein können. Sie impliziert allerdings nicht, dass Kunst sich nicht entwickeln kann oder soll. Vielmehr stellt sie Rahmenbedingungen an die Art und Weise dieser Wandlung und impliziert auch eine Art Fortschrittsgedanken, weil idealerweise der Schönheit immer näher gekommen werden soll.

Platonismus?

Eine essentielle Bemerkung zum Abschluss: Objektivität und Absolutheit sind keine ontologischen Kategorien (sie können, müssen aber nicht an ontologische Konzepte gebunden werden). Ich möchte einen möglichst theoriefreien Weg zur Ästhetik gehen und bei einem sprachphilosophischen Verständnis dieser Begriffe bleiben. Ob und wie diese Begriffe in der Welt realisiert sind, ist eine interessante, aber in diesem Kontext unnötige Frage. Der sich aufdrängende Vorwurf, es handle sich bei einer objektiven Deutung des Schönen um eine plumpe Form des Platonismus ist also meines Erachtens nicht angebracht.


  1. Die „Goldene Regel“, der kategorische Imperativ aber auch konsequentialistische Ethiken können als Beispiele dieses Musters verstanden werden. Von einer Tugendethik möchte ich hier absehen. 

  2. Der religiöse Vergleich liegt nahe – Religion als Ästhetik