Über Religion streiten? Ja, aber anders!

Der religionsphilosophische Diskurs wird maßgeblich von zwei Phänomenen beeinflusst. Auf einer Seite stellt ein selbstbewusster radikaler Atheismus Religion als primitiven Irrtum dar, auf der anderen verteidigen sich Gläubige mit dem Verweis auf positive soziale Konsequenzen, die durch religiöse Strukturen vorgebracht werden. Die tiefergehende Frage nach der philosophischen Grundlegung religiöser Inhalte wird nicht behandelt, obwohl sie für das Verhältnis von Staat und Religion wesentlich sind.

  9. Jänner 2014

Der gegenwärtige religionsphilosophische Diskurs ist durch zwei problematische Phänomene geprägt:

  1. Das selbstbewusste und medienwirksame Auftreten einer Gruppe von Atheisten, die Religion – in welcher Form auch immer – verachtet und eliminieren will.
  2. Der Rückzug der Gläubigen (eventuell als Reaktion auf diese Angriffe) aus der philosophischen Begründung religiöser Inhalte hin zur utilitaristischen Begründung religiöser Gesellschaftsstrukturen.

Atheismus – radikale Verständnislosigkeit für das Religiöse

Der gegenwärtige radikale Atheismus unterscheidet sich dadurch von früheren atheistischen Strömungen, dass er sich – aufgrund des zunehmenden Schwundes des Religiösen in der Gesellschaft – seines Sieges eigentlich schon sicher sind. Von seiner Seite kommt daher keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Religion oder Kirche, sondern die Belehrung oder Parodierung einer als rückständig und gänzlich irrational karikierten Minderheit religiöser Menschen.

Ein paradigmatisches Beispiel dieser Form von Atheismus ist der britische Biologe Richard Dawkins. Für ihn ist Religion ganz einfach eine offensichtlich falsche empirische Erklärung und nichts darüber hinaus:

„Perhaps there are some genuinely profound and meaningful questions that are forever beyond the reach of science. Maybe quantum theory is already knocking on the door of the unfathomable. But if science cannot answer some ultimate question, what makes anybody think that religion can?“ (Richard Dawkins: The God Delusion, S. 56)1

Weil er Wissenschaft und Religion nicht als getrennte Kategorien anerkennt, kann Dawkins’ Auseinandersetzung mit Religion auch nicht viel weiter gehen – Religion ist nichts weiter als Aberglaube, noch dazu in einer höchst schädlichen Form. Seine bekannte Streitschrift1 ist deshalb auch nur am Rande eine philosophische Kritik monotheistischer Religionen. Vielmehr beschreibt sie die negativen Seiten religiöser Praxis und liefert eine Anleitung, um sie zu bekämpfen.2 Man verspürt in diesem Kampf aber auch eine Ratlosigkeit – warum sind so viele Menschen gläubig?

„When one person suffers from a delusion, it is called insanity. When many people suffer from a delusion it is called Religion.“ (Richard Dawkins: The God Delusion, S. 5)1

Wahnsinn kann man nur belächeln, verachten, eliminieren wollen – nicht aber verstehen.

Genau darin liegt der zentrale Unterschied zur Tradition philosophischer Religionskritik. Im deutschsprachigen Raum sind diesbezüglich Feuerbach und Marx zu nennen, die beide die Religion als etwas Wesentliches im menschlichen Leben vehement angreifen, aber zugleich verstehen und gewissermaßen auch achten. Feuerbach gab vor, selbst christliche Religion (aber gegen die Theologie) zu betreiben:

„Ich habe nur das Geheimnis der christlichen Religion verraten, nur entrissen dem widerspruchvollen Lug- und Truggewebe der Theologie – dadurch aber freilich ein wahres Sakrilegium begangen.“ (Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums, S. 17)3

Marx beschrieb die Tiefe des Leidens, auf welches das Volk die Religion als Antwort geschaffen hat, mit eindrucksvollem Pathos:

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ (Karl Marx: Zur Kritik der Hegel’schen Rechts-Philosophie, S. 71f)4

Im Gegensatz zu Dawkins unterschätzten Feuerbach und Marx Religionen und den Ursprung des religiösen Gefühls nicht. Meines Erachtens vermochten sie gerade deshalb gehaltvolle philosophische Kritik daran auszuüben.

Religionen – Rückzug zum gesellschaftlichen Nutzen

Von religiöser Seite wird auch nicht versucht, die öffentliche Debatte auf eine grundlegende philosophische Ebene zu bringen, sondern oftmals nur der praktische Nutzen religiöser Organisation für die Gesellschaft hervorgehoben. Dabei wird einerseits auf die Arbeit kirchlicher karitativer Organisationen5 und andererseits auf die Notwendigkeit eines interreligiösen Dialogs6 als einendes Element einer zerfallenden Gesellschaft verwiesen.

Während die soziale Rolle der Religionen verstärkt medial aufgegriffen wird, geraten Dogmen und Praxen der unterschiedlichen Religionen in der Debatte zusehends in den Hintergrund (als mehr oder weniger unangreifbare „Privatsache“); fast nie werden sie inhaltlich gegenüber Nichtgläubigen verteidigt. Das Wesen der Religion wird in diesem Prozess relativiert und zugleich gegen jegliche Kritik immunisiert.

Wenn man dieser Argumentation folgt, sollen religiöse Leistungen auf gesellschaftlicher Ebene gewürdigt und (unter anderem finanziell) gefördert werden, religiöse Überzeugungen Einzelner toleriert und respektiert werden, ohne dabei zu hinterfragen was eigentlich warum toleriert und respektiert werden soll. Der verwendete Religonsbegriff ist also leer – mit genau derselben argumentativen Struktur könnte die Existenz von Parteien, Sportvereinen oder beliebiger Fangruppen verteidigt werden.

Fazit und Ausblick

Der gegenwärtige Zustand ist dieser: Öffentlichkeitswirksame Atheisten stellen alles Religiöse als blanken Unsinn dar; Gläubige verteidigen sich nicht direkt, sondern verweisen auf den gesellschaftlichen Nutzen der Religion und ein Toleranzgebot gegenüber Religiösem (wobei letzteres völlig unbestimmt bleibt). Die philosophischen Grundlagen der Religion, die Rolle, welche religiöse Inhalte – Dogmen, Riten und Moral – spielen, werden unzureichend thematisiert. Dabei sind genau diese Punkte essentiell um ein Abgrenzungsmerkmal der Religion herauszuarbeiten und damit auch das Verhältnis von Staat und Religion zu klären.7

Eine mögliche Grundlage für eine fruchtbare gegenwartsrelevante Debatte über Religion bietet Wittgensteins Religionsphilosophie und ihr Verhältnis zur Philosophie der Mathematik und Epistemologie. Ich möchte auf in einem anderen Artikel spezifisch darauf eingehen.


  1. Richard Dawkins (2006): The God Delusion. London: Bantam Press. Eine treffende Rezension ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen 

  2. Ein äußerst skurriler Teil dieser Strategie war die „There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life“ Kampagne von 2009. Der fehlende Einblick in das Selbstverständnis religiöser Menschen zeigt sich in diesem Slogan besonders deutlich. 

  3. Ludwig Feuerbach (1956): Das Wesen des Christentums. Werner Schuffenhauer (Hg.), Berlin: Akademie-Verlag. 

  4. Karl Marx (1844): Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie. In Deutsch-Französische Jahrbücher, S. 71-85, Paris: Bureau der Jahrbücher. 

  5. Vgl. zum Beispiel einen Artikel, der sich lobend zur „Professionalität“ kirchlicher Hilfsorganisationen äußert. 

  6. Ein Beispiel ist das „König-Abdullah-Zentrum für Interreligiösen Dialog“, das 2012 in Wien eröffnet wurde. 

  7. Diese Klärung ist für Österreich nicht nur wegen des Konkordats und StGG Artikel 15 („Jede gesetzlich anerkannte Kirche und Religionsgesellschaft hat das Recht der gemeinsamen öffentlichen Religionsübung, ordnet und verwaltet ihre inneren Angelegenheiten selbständig, […]“), in dem anerkannte Religionen ausgezeichnet werden, relevant. Auch die aus Deutschland kommende „Beschneidungsdebatte“ zeigt deutlich, dass die Frage nach der Begründung einer religionsspezifischen Form der Freiheit keinesfalls geklärt ist.