Der „Wolf of Wall Street“ zwischen Absurdität und Hoffnung

Der Wolf of Wall Street kann als Auseinandersetzung mit der Absurdität der Welt verstanden werden. Jordan Belfort verkörpert zunächst Camus’ Ideal des absurden Helden, weil gegen die Absurdität der Welt keine Hoffnung sucht und stattdessen gegen die Notwendigkeit der Sinnsuche aufbegehrt. Wie Sisyphos’ vom sinnlosen Kampf gegen den Berg erfüllt ist, ist Belfort vom sinnlosen Kampf für das Geld erfüllt. Doch dieses absurde Element ist bei Belfort nicht vollkommen. Seine Verbundenheit zu seiner Firma und seinen Mitarbeitern gibt ihm doch noch Hoffnung. Der einzige Wert, den er anerkennt ist die Aufopferung die richtige Art von Arbeit; dadurch versucht er, doch noch Sinn in die Welt zu bringen. Das Publikum verachtet Belfort letztlich nicht wegen seiner egoistischen Exzesse, sondern aufgrund des Widerspruchs zwischen scheinbar absurdem Handeln und eigentlichem biederem Arbeitsethos.

  7. Februar 2014

Ich möchte einige der philosophischen Fragen, die im Wolf of Wall Street – glücklicherweise recht unaufdringlich – aufgeworfen werden, behandeln und mich dabei an Camus’ Mythos des Sisyphos1 orientieren. Es wird also weniger der ästhetische denn der philosophische Blickwinkel angenommen werden.

Camus, der Wolf und das Absurde

Die absurde Geldgier der Hauptcharaktere des Wolf of Wall Street, insbesondere jene Jordan Belforts, scheint auf den ersten Blick das Hauptthema des Films zu sein. Das pathologisch-lächerliche an Belforts Verhalten wird auch äußerst gelungen von Martin Scorcese und Leonardo DiCaprio vermittelt – die dafür eingesetzte Verbindung von Realismus, Satire und gekonntem Slapstick ist meines Erachtens ein Musterbeispiel für gelungene populäre Komödie. Doch es bleibt nicht bei der erheiternden Verhöhnung des drogensüchtigen, intellektuell und emotional verwahrlosten Milieus der Aktienhändler.

Das Absurde ist, glaube ich, eine essentielle Kategorie, um den Wolf of Wall Street zu begreifen. Für Camus, der den Begriff stark geprägt hat, stellt die Auseinandersetzung mit dem Absurden das einzig relevante philosophische Problem dar: Wie kann der Mensch mit einer ihm fremden, ungreifbaren Welt, mit der Sinnlosigkeit des Lebens umgehen? Genauer: Wie kann er sich der zunächst aufdrängenden Lösung – dem Suizid – entziehen?

Camus antwortet auf die Frage folgendermaßen. Statt des Versuchs, sich gegen das Absurde zu wehren, statt der Suche nach Hoffnung und Sinn, welche letztlich das Absurde nur ignoriert, ist der einzige Ausweg desjenigen, der das Absurde ernstnimmt, der Aufstand, die Revolte gegen die Notwendigkeit eines Sinns überhaupt. Für Camus ist neben Don Juan (auch hier wäre eine Parallele zu Belfort angebracht) insbesondere Sisyphos, der verdammt ist,2 einen Stein fortwährend auf einen Berg hinaufzurollen, paradigmatisch für dieses trotzige, lebensbejahende Aufbegehren, das sich gegen den Suizid als einzigen Ausweg verwehrt. Letztendlich kann selbst das Glück nur aus einem solch sinnlosen Kampf entspringen:

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“1

Ein solcher Sisyphos scheint auch Belfort zu sein. Er sucht keine Hoffnung, keinen Sinn im Leben. Seine einzige Aufgabe ist es, zu kämpfen, zu leben – auch wenn er sich dabei selbst gewissermaßen zerfrisst. Das ist das zutiefst Menschliche, das Sympathische an Belfort, das von DiCaprio unterschwellig vermittelt wird. Wir verstehen Jordan Belfort, wir verstehen ihn, wenn er die Grenzen, die ihm durch die Welt auferlegt wurden, ja sogar die ethischen und „dianoetischen Tugenden“ (wie Vernunft, Weisheit)3 negiert, denn dadurch bejaht er auch das Leben. Jordan Belfort würde sich niemals umbringen, er weiß sich aber zum Tode verurteilt – auch hier ist ein Zitat Camus’ treffend:

„Das Gegenteil des Selbstmörders ist der zum Tode verurteilte.“1

Diese Interpretation erklärt nicht nur die relativ starke Identifikation des Publikums mit dem – eigentlich abstoßenden – Hauptcharakter, sondern löst auch das scheinbare Paradoxon zwischen Hedonismus und Geldgier auf. Warum sollte Belfort nach immer mehr Geld streben, gefährliche, zuweilen auch lächerliche Methoden wählen (die ihm schließlich zum Verhängnis werden), um für ihn eigentlich unnötige Gewinne zu erzielen, wo er sich doch als hedonistischen Egoisten darstellt? Die Antwort ist nicht, dass Belfort zunächst ein Genießer gewesen sei, welcher der Geldgier, der Drogen- und Sexsucht „erlegen“ sei. Er war eigentlich nie an seinem eigenen physischen und psychischen Wohlergehen interessiert, sondern immer nur an der Grenzüberschreitung, und wird womöglich (wie Camus’ Sisyphos) dabei trotzdem in gewisser Weise glücklich.

Des Wolfs letzter Wert: Arbeit

Im Verlauf des Films tritt allerdings noch ein anderer Aspekt auf, der im Kontext des Absurden betrachtet werden muss und der schlussendlich Jordan Belfort (wie auch seine Kumpanen) deutlich vom Camus’schen Ideal des absurden Helden entfernt. In der meiner Meinung prägnantesten Szene des Films stellt sich Belfort seinen Mitarbeitern, erklärt ihnen seinen Rücktritt, entscheidet sich aber letztlich doch (jeder Rationalität zum Trotz) dazu, sein Unternehmen weiterzuführen. Soweit ist die Handlung auch durchaus noch als irrationale Revolte im Sinn Camus’ zu verstehen.

Belforts eigentliche Triebfeder ist aber eigentlich eine andere. Seine Loyalität gilt nur seiner Arbeit und seinen Mitarbeitern. Die brillant-lächerlichen Reden, die er hält, um diese zu motivieren (zum Beispiel vor dem Börsengang von Steve Madden) sind ehrlich. Er glaubt daran, einer auserwählten Gruppe anzugehören, die sich durch außerordentliche Fähigkeiten, aber auch durch eine spezifische Form der Arbeitsmoral auszeichnet. Die Mitarbeiter lieben ihn und er liebt sie –4 nicht weil sie zusammen Exzesse feiern, sondern weil sie gemeinsam arbeiten.

Es scheint zunächst so, als sei Arbeit im gezeigten Milieu der Investmentbroker nur Mittel zum Zweck (für Macht, Luxus, sexuelle Befriedigung, etc.), doch der Schein trügt. Die Szene, in der ein Mitarbeiter sein Fischglas reinigt, ist dafür beispielhaft. Es stellt sich heraus, dass die Produktivität komplett gleichgültig ist. Schon die bloße Intention, sich der Arbeit nicht komplett hinzugeben, ist eine Sünde, die einen schamvollen Ausschluss aus dem Kreis der Erhabenen zur Folge hat.

Belfort hegt also noch Hoffnung in eine verquere, wenn man so will, „aristokratische“ Arbeitsmoral. Er vermag diese Hoffnung auch anderen zu vermitteln. In den letzten Sekunden des Films wird gezeigt, wie Belfort einen ganzen Saal in einem Motivationsseminar fesselt. Es wird dadurch deutlich, dass das Absurde, das Aufbegehrende nur sekundär Belforts Handeln bestimmen; im Grunde charakterisiert ihn vielmehr ein messianisches Element, mit dem er sich selbst und seinen Anhängern Hoffnung gibt – die Hoffnung, durch eine gewisse Form der Arbeit die Erlösung aus der Absurdität zu finden. Arbeit als einziger Ausweg, als letzte Möglichkeit, das Absurde zu verdrängen und zu Würde zu gelangen, das ist die eigentliche Botschaft des Jordan Belfort:

Belfort ist ein Lamm, das sich als Wolf ausgibt.

Kurioserweise ist es auch diese Verehrung des Arbeitsideals, die den Zusehern als eigentlich geschmacklos erscheint und an der ihr Mitgefühl für Belfort letztlich zugrunde geht. Nicht wegen seiner Geldgier, nicht wegen seiner Drogensucht, nicht wegen seines Egoismus, nicht einmal wegen seiner intellektuellen Beschränktheit verachten wir ihn, sondern aufgrund des Widerspruchs zwischen dem Schein des absurden Helden, den sich Belfort geben will und seinem ordinären, lächerlich aufrichtigen Arbeitseifer:


  1. Albert Camus: Le mythe de Sisyphe, Paris: Gallimard (1942) 

  2. Es gibt verschiedene Varianten zur Vorgeschichte dieser Bestrafung durch die Götter. 

  3. Siehe Aristoteles’ Nikomachische Ethik

  4. In der vielleicht gelungensten Szene bekundet Belfort seinen Mitarbeiten seine Liebe: „I fuckin’ love you too. And I love all of you!“. Das Abstoßende daran ist nicht, dass die Liebesbekundung unaufrichtig wäre, sondern dass sie nur auf einer fast religiösen Überhöhung des Werts der Arbeit beruht. Für die „Wölfe“ ist die menschliche Würde kein absoluter, intrinsischer Wert, sondern nur durch Arbeit konstituiert.