Begriffsbildung und der instrumentelle Wert der Kunst

Um Schönes herzustellen und das Publikum künstlerisch zu erziehen bedient sich die Kunst notwendigerweise der Begriffsbildung. Unabhängig vom ästhetischen Wert dieser Begriffe können diesen auch in anderen Bereichen (wie etwa der Philosophie) aufgegriffen werden. Dadurch bedingt sich ein instrumenteller Wert von Kunst, der auch misslungenen Werken zugesprochen werden kann.

  30. Mai 2014

Ich möchte in diesem Artikel auf einen Aspekt der Kunst eingehen, dessen Signifikanz mir erst vor Kurzem gewahr geworden ist: Kunst bildet – wie auch Philosophie oder Wissenschaft – Begriffe. Ich möchte argumentieren, dass die künstlerische Form der Begriffsbildung kein kontingentes Nebenprodukt der Kunst ist, sondern eines ihrer definitorischen Merkmale ist, das auch über der Kunst hinaus einen instrumentellen Wert besitzt.

Begriffe

Der Terminus „Begriff“ ist in diesem Kontext in einem weiten und unscharfen Sinn zu verstehen und wird synonym mit sprachlichem Muster verwendet werden. Muster der Normalsprache sind Worte, Redewendungen, Sätze, usw.; in der Bildersprache können es gewisse graphische Muster sein; in der mathematischen Sprache zum Beispiel Mengen von Funktionen, Vektorräumen, oder Maßen. Für jede Sprache können Begriffe höherer Ordnung – als Muster von Mustern der Sprache – gesetzt werden, die selbst Begriffe einer Metasprache sind. Durch Rekursion dieser Prozedur entstehen Begriffe beliebig hoher Ordnung.

Am Beispiel der Mathematik lässt sich der Prozess der Begriffsbildung und -abänderung vielleicht am einfachsten verdeutlichen. Mathematische Beweise verbinden bestehende Begriffe in einem neuen Muster und schaffen damit neue oder modifizieren bestehende Begriffe (ähnlich verhält es sich mit mathematischen Vermutungen). Der Beweis des Satzes von Pythagoras ändert den Begriff „rechtwinkliges Dreieck“ – in ihm ist jetzt das Verhältnis seiner Seiten enthalten, und damit gibt es auch eine alternative Methode (als die der Winkelmessung) zu überprüfen, ob ein Dreieck rechtwinklig ist oder nicht.

Begriffsbildung in der Kunst

Die Konstruktion und Modifikation von Begriffen ist offensichtlich ein wesentlicher Bestandteil der philosophischen und wissenschaftlichen Praxis – der Erfolg letzterer wird daran gemessen ob eine fruchtbare1 Modifikation der begrifflichen Struktur einer Sprache erreicht wurde. In der Mathematik geht es darum neue Vermutungen, Theoreme etc. hervorzubringen, in der Physik durch Theorie oder Experiment die Bedeutung von Begriffen aufzuklären (Masse, Wahrscheinlichkeit, usw.) oder neu zu erfinden (Entropie, Verschränkung, usw.), die sich für empirische Vorhersagen als nützlich erweisen können.

Meines Erachtens ist die Arbeit an Begriffen auch ein essentieller künstlerischer Tätigkeit. Die doppelte Funktion der Kunst – Hervorbringen und Lehren des Schönen – habe ich in einem früheren Artikel dargestellt. Wie diese beiden Ziele verwirklicht werden, wurde dabei offen gelassen, weil die künstlerische Tätigkeit sich durch eine prinzipiell unendliche methodische Vielfalt auszeichnet. Doch eine Invariante besteht sowohl für das kreative als auch für das kritische Moment der Kunst (ganz gleich ob es sich um Literatur, bildende Kunst, Musik oder Skulptur handelt): die Methode der Muster- und Begriffsbildung.

Das kreative Element der Kunst ist unmittelbar an der Bildung ästhetischer Begriffe beteiligt: Die Vorstellungen von Proportion, Melodie, Harmonie, usw. werden durch die Kunstwerke ständig erodiert und neu gebildet.3 Die Musik des 20. Jahrhunderts ist ein gutes Beispiel für tiefgreifende und oftmals gelungene Änderungen dieser Art, die zum Großteil vom Jazz und der damit einhergehenden Reform des Rhythmusbegriffs, ausgegangen sind. Auch der kritische Aspekt der Kunst kann dann sein Ziel erreichen, wenn – hier sind es metaesthetische Begriffe – schafft und schärft. Nur dadurch wird den Addressaten eine neue Sicht auf das Schöne im Allgemeinen und das Kunstwerk im Besonderen ermöglicht.

Beide Ziele der Kunst werden durch das Instrument der Begriffsbildung verwirklicht.

Ein instrumenteller Wert

Kunst schafft also Muster – Begriffe, denen einen intrinsischer, ästhetischer Wert innewohnt. Die von der Kunst geschaffenen Begriffe können darüber hinaus auch außerhalb der Ästhetik nütztlich sein, wenn sie zweckentfremdet und in andere Bereiche übertragen, gewissermaßen übersetzt werden. Dieser Aspekt sollte anhand zweier Beispiele verständlich werden.

Die europäische Kultur beruht, zu einem nicht unwesentlichen Anteil, auf antiken und mittelalterlichen Mythen, deren Bedeutung weit über den künstlerischen Rahmen (also Bezüge, die in der Malerei, Musik, Skulptur, Theater, usw. hergestellt werden) hinausgeht. Ein gutes Beispiel dafür ist der Mythos des Sisyphos,4 der (unter anderem) einen begrifflichen Anhaltspunkt für Camus’ Philosophie des Absurden dargestellt hat.5 Die begriffliche Vorarbeit des Mythos erlaubte es Camus, mit schon recht genau ausdifferenzierten und seiner Leserschaft verständlichen Begriffen zu operieren, die nur mehr wenig nachgeschärft werden mussten. Der Einfluss geht womöglich über diese Vereinfachung der Vermittlung hinaus: Es ist gut möglich, dass der Mythos einen direkten Einfluss auf den Inhalt von Camus’ Philosophie ausgeübt und somit weit über die ästhetische Sphäre bis in die Moderne nachgewirkt hat.

Ein anderes Beispiel für den instrumentellen Wert künstlerischer Begriffsbildung ist Fritz Langs Film Metropolis.6 Der Einfluss geht auch hier weit über die Kunst7 hinaus: Metropolis hat die Vorstellung der Maschine (und im weiteren Sinne der Stadt selbst) als Moloch8, dem Arbeiter geopfert werden, so stark geprägt, dass im deutschen Sprachraum „Moloch“ fast ausschließlich auf unmenschliche Megalopolen referiert.9 Wer behaupten möchte, eine Stadt sei zu groß, zu dreckig, zu gefährlich, kann diesen Terminus verwenden, ohne selbst die begriffliche Verbindung zwischen diesen verschiedenen Aspekten herstellen und argumentieren zu müssen. Daran wird auch der klar, wie die Begriffsbildung einen rein instrumentellen Wert der Kunst darstellen kann, der vom ästhetische Aspekt unabhängig ist – dass der Begriff von unter anderem Metropolis geprägt wurde, ist nicht notwendig auf den eigentlichen, künstlerischen Wert des Films zurückzuführen.

Die von der Kunst bearbeiteten Begriffe können auch außerhalb der Kunst aufgegriffen werden. Aus diesem Prozess ergibt sich ein instrumenteller Wert für ein Kunstwerk, der im Allgemeinen unabhängig vom künstlerischen Wert ist. Auch schlechte oder misslungene Kunst (also eine ästhetisch fehlgeschlagene Begriffsbildung) kann sich in diesem Sinn als wertvoll erweisen.


  1. Was unter „fruchtbar“ in Philosophie und Wissenschaft genau verstanden werden soll, ist natürlich eine äußerst komplizierte, aber in diesem Kontext nicht relevante Frage.  

  2. Auch dieser Artikel kann als Beitrag zur Klärung des Begriffs „Kunst“ verstanden werden, der die Verbindung zwischen Kunst und Begriffsbildung aufzeigen soll. 

  3. Genauer: jedes Kunstwerk ist ein neuer Begriff in der Sprache der jeweiligen Kunstform, der sich über allgemeinere ästhetische Begriffe auf andere Kunstwerke bezieht. 

  4. Für eine Auseinandersetzung mit diesem Mythos, vergleiche einen früheren Artikel und auch Wikipedia: „Sisyphos“

  5. Albert Camus: Le mythe de Sisyphe, Paris: Gallimard (1942) 

  6. Vgl. Wikipedia: „Metropolis (Film)“ 

  7. Der von Rotwang geschaffene „Maschinenmensch“ ist zum Beispiel titelgebend für Kraftwerks Album „Mensch-Maschine“, das auch einen Titel mit dem Namen „Metropolis“ enthält. 

  8. Vgl. Wikipedia: „Moloch“ 

  9. Vgl. z. B. das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache: „Moloch“