Die Auflösung der Ethik in der Stoa (I)

Ich fasse die praktische Philosophie der späteren Stoa in vier Grundsätzen zusammen, und versuche dann zu zeigen, wie für sie ein absolutes Toleranzgebot anstelle der Ethik tritt.

  12. Juni 2016

In diesem ersten Beitrag zum Stoizismus möchte ich eine persönliche Zusammenfassung der Prinzipien der späteren Stoa versuchen. Ich beziehe mich dafür hauptsächlich auf die Werke Marc Aurels1 sowie Epiktets2 und erhebe dezidiert keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die vielfältigen Schwächen der stoischen Philosophie sollen in einem späteren Artikel thematisiert werden.

Das Individuum im Fokus

Das Augenmerk der stoischen Philosophie liegt auf der praktischen Philosophie. Die Stoa versucht, Handlungsanweisungen für das tägliche Leben zu geben, auf schwierige Fragen („Wie kann ich Trost nach dem Tod eines Freundes finden?“ oder „Nach welchen Gütern darf ich trachten, nach welchen soll ich streben?“) Antworten zu geben.

Das Subjekt der stoischen Philosophie ist das einzelne Individuum. Der Weg zur stoischen Lebensweise ist persönlich, im Wesentlichen von äußeren Einflüssen emanzipierend. Die Beschäftigung mit den Interessen anderer Menschen spielt nicht die Hauptrolle.

Vier Grundprinzipien

Das grundlegenste Prinzip der Stoa ist zugleich auch das einleuchtendste und wirkmächtigste:3

(1) Erkenne, was du zu erreichen vermagst und trachte nicht nach dem, was du nicht zu erreichen vermagst.

Es ist eine methodische Vorgabe (das Erkennen der eigenen Grenzen), verknüpft mit einer normativen Vorgabe (die Grenzen nicht zu überschreiten zu versuchen). Um zu wissen, was man soll, muss man zunächst wissen, was man kann. Das ist fast eine Trivialität.

Nun geht die Stoa einen gewaltigen Schritt weiter und postuliert:

(2) Nur nach demjenigen, was von dir alleine abhängt, sollst du streben oder dich abwenden; nur solcherlei kann gut oder schlecht sein. Was in irgendeiner Weise von äußeren Umständen abhängt, ist weder gut noch schlecht.

Hier findet eine radikale Einschränkung statt: Nur ganz wenige Güter (jene, die ausschließlich von uns selbst abhängen) können (i) zum Ziel gemacht werden und (ii) gewertet werden. Umgekehrt ist damit in Hinblick auf die überwiegende Mehrheit der Güter (all jene, die auch nur ein wenig von äußeren Einflüssen abhängen) Neutralität oder gar Gleichgültigkeit geboten. Der Mensch darf nichts erhoffen (z. B. Reichtum oder Ruhm) oder fürchten (z. B. den eigenen Tod oder den Tod anderer), was nicht in seiner Macht steht, wenn er frei und glücklich werden will.4

Was sind die Güter, die nur von uns selbst abhängen? Sie finden sich allein im Denken. Nur über das eigene Denken kann man absolut frei verfügen, nur dort kann die Willkür der Welt ausgesperrt werden. Es gilt aber, sich dieser Möglichkeit zur Unabhängigkeit gewahr zu werden und sie beständig zu festigen:

(3) Wahre die Unabhängigkeit deines Denkens, von den eigenen körperlichen Trieben, von den Meinungen anderer, vom Geschehen der Welt.

Es gilt hier festzuhalten, dass in diesem Kontext alles Nichtintellektuelle auf ein und dieselbe Ebene reduziert wird. Auch die Handlungen anderer Menschen werden hier als Naturphänomen – gewissermaßen als Störfaktor für die eigene Unabhängigkeit – betrachtet. Deshalb ist es für Stoiker auch notwendig, Empathie weitgehend auszuschalten.5

Ein letztes wesentliches Element des Stoizismus ist der schließlich doch noch stattfindende Brückenschlag zwischen dem eigenen Denken und der Außenwelt, durch den dem radikalen Solipsismus ausgewichen wird. Er geschieht über den Begriff der „Natur“, beziehungsweise „Gottes“:

(4) Du bist wie alle anderen Dinge Teil der Natur. Was dir scheinbar zufällig widerfährt ist Teil des notwendigen Kreislaufs des Ganzen. Darin kann nichts Schlechtes vorkommen.

Die Natur ist das Substrat, das alles verbindet und ineinander überführt. Es ist eine gute bis neutrale Welt; wenn sie uns schlecht vorkommt, irren wir, verstehen bloß die Notwendigkeit ihrer Wandlung nicht. Sie zu verdammen wäre für Stoiker jedenfalls ein Kategorienfehler, gewissermaßen auch Gotteslästerung.6 Das Konzept der Brüderlichkeit zwischen Menschen leitet sich aus der gemeinsamen Teilhabe an Gott ab.

Toleranz als Auflösung der Ethik

Die Grundlagen der praktischen Philosophie setzen sich nicht mit genuin ethischen Fragen, also mit der Abwägung fremder gegen eigene Interessen, auseinander.

Es lässt sich jedoch ein einziges, allumfassendes moralisches Prinzip aus ihnen ableiten:

(5) Du sollst jegliches Verhalten deiner Mitmenschen tolerieren.

Weil alle anderen Menschen auch Teil der Natur sind, handeln sie nach dem, was sie für gut halten. Wenn sie schlecht handeln (stehlen, morden, etc.), kann man bestenfalls versuchen, ihnen ihr Fehlverhalten (also ihr Streben nach etwas, wozu sie nicht befähigt sind) vor Augen zu führen, denn eigentlich schaden sie nur sich selbst.7 Sollte dies nicht möglich sein, muss es bei dem Rückzug in die Toleranz bleiben.8

Es ist dies eine äußerst unkonventionelle Art, ethische Fragestellungen zu lösen, eigentlich: aufzulösen. Dem Stoiker kann niemand Leid zufügen, weil er erkennt, dass von außen kein Leid kommen kann. Damit verschwindet auch die Notwendigkeit, anderen Menschen moralische Zwänge aufzuerlegen.9 Ob man sich selbst noch moralische Prinzipien auferlegen kann, ist eine andere – offensichtlich problematische – Frage, die ich im nächsten Artikel detaillierter behandeln werde.

  1. Marc Aurel, 1992, Selbstbetrachtungen, Frankfurt am Main: Insel Verlag.
  2. Epiktet, 1996: Handbüchlein der Moral und Unterredungen, Zürich: Diogenes.
  3. Es wäre töricht, hier den Einfluss der Stoa auf die Philosophie auch nur ansatzweise darstellen zu wollen. Es reicht sicherlich aus, nur Descartes, Spinoza und Kant als Erben des Stoizismus anzuführen.
  4. Die radikale Beschränkung auf absolute Freiheit findet sich zum Beispiel bei Descartes oder Spinoza nicht mehr, obwohl auf für sie die Einsicht der eigenen Bedingtheit wesentlich ist.
  5. Marc Aurel schreibt dazu: „Nicht jammern mit den anderen, nicht mit ihnen aufjubeln!“ (S. 112)
  6. Implizit gilt dasselbe auch für die gesellschaftliche Ordnung, die ein Teil der natürlichen Ordnung ist.
  7. Anderen können sie nicht schaden, weil ihre Handlungen für diese Teil der äußeren Welt sind und damit weder zuträglich noch schädlich.
  8. Die Brüderlichkeit der Stoa wird in Toleranz, nicht in Mitgefühl umgemünzt. Man soll seinen nächsten (in einem eingeschränkten Sinn) zwar lieben, aber sich zugleich nicht von ihm abhängig machen. Marc Aurels Haltung zu Mitmenschen ist: „belehre oder ertrage sie“ (S. 140).
  9. Man kann hier deutliche Parallelen zum Christentum erkennen. Im Vaterunser nach Lukas 11 heißt es: „erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist“ und in Lukas 23: „Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun!“. Die Stoa ist insofern radikaler, als dass gar keine Schuld zustandekommt und deshalb nicht erlassen werden muss.