Die Auflösung der Ethik in der Stoa (II)

Stoiker stellen Normen für den Umgang mit Mitmenschen niemals für Andere, nur für sich selbst auf. Ich versuche zu argumentieren, dass auch diese Normen im Rahmen der Stoa letztlich inhaltslos bleiben. Daraufhin gehe ich auf die Unterschiede zwischen stoischer und christlicher Philosophie ein.

  25. Juni 2016

Die normative Asymmetrie…

Die Praxis, die für die Stoa im Mittelpunkt steht, ist, wie ich im vorigen Artikel erwähnt habe, zunächst individuell: Es geht um die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, die Bändigung der eigenen Befürchtungen und Hoffnungen. In dieser Hinsicht wird eine scharfe Trennung zwischen dem Inneren (der eigenen Geisteswelt) und dem Äußeren gezogen.

Um dem an dieser Stelle lauernden Solipsismus zu entkommen,1 wird ein Brückenschlag zwischen innen und außen über das gemeinsame Fundament der Natur (beziehungsweise Gottes) versucht. Die Natur rechtfertigt die stoischen Sollenssätze2 und soll das Verhältnis zu anderen Menschen – Ethik im engen Sinn – regeln.

Das umfassende Toleranzprinzip („Du sollst jegliches Verhalten deiner Mitmenschen tolerieren“) ist der Endpunkt dieser Überlegung. Die Stoa fordert dazu auf, sich selbst Regeln aufzuerlegen, das von Anderen aber nicht zu erwarten. Die Gemeinsamkeiten der Menschen, die offenbar angestrebte deskriptive Symmetrie, reichen offenbar nicht für eine normativen Symmetrie zwischen Ich und Du aus.

Der Stoiker bleibt beim: „Ich soll…“, er sagt niemals: „Du sollst…“.

…wird zur normativen Leere

Ich möchte nun argumentieren, dass in dieser Konstellation nicht einmal, wie Stoiker es versuchen, Normen für das eigene Verhalten gegenüber Anderen formuliert werden können. Woher könnte der Inhalt einer solchen Norm kommen? Es gibt zwei3 ähnliche, aber prinzipiell unterschiedliche Möglichkeiten dafür:

  1. Aus der Extrapolation der eigenen Wünsche und Bedürfnisse auf Andere, verbunden mit dem Gebot ihrer (zumindest teilweisen) Erfüllung: „Ich mag nicht geschlagen werden, also soll ich Andere nicht schlagen.“
  2. Aus der Extrapolation der Pflichten anderer auf sich selbst: „Andere sollen mich nicht schlagen, also soll auch ich sie nicht schlagen.“

Eine Form von Verallgemeinerung4 zwischen Eigenem und Fremden ist also unerlässlich. Genau die vermag jedoch die Stoa nicht zu schlagen.

Die erste Option kann von Stoikern nicht in Betracht gezogen werden, weil für sie die eigenen Wünsche überhaupt nur insofern sinnvoll sind, als dass sie ganz ohne fremdes Zutun erreicht werden können.5 Auch das im vorigen Artikel erwähnte Empathieverbot geht in diese Richtung. Die zweite Möglichkeit ist schon durch das absolute Toleranzprinzip ausgeschlossen – andere Menschen haben uns gegenüber ganz einfach keine Pflichten.

Damit ist vorgebliche Möglichkeit, sich selbst normative Prinzipien im Umgang mit Mitmenschen aufzuerlegen, nicht mehr als eine leere Hülse, die in der stoischen praktischen Philosophie nicht mit Inhalt gefüllt werden kann. Die Stoa vermag es deshalb meines Erachtens nicht, die zwischenmenschliche Ebene zu regeln; sie bleibt auf eine Philosophie der Schicksalsschläge beschränkt.

Verhältnis zur christlichen Lehre

Ich habe im letzten Artikel die Toleranz gegenüber anderen, die nicht in unserem Sinn handeln als Ähnlichkeit zwischen Stoa und christlicher Philosophie erwähnt. Wie vermeidet letztere die normative Leere der stoischen? Es gilt in dieser Hinsicht, drei wesentliche Unterschiede zwischen christlicher und stoischer Philosophie zu betrachten:

  1. Vergeben: Im Christentum gibt es auf ganz grundlegender Ebene Sünde und Schuld; die christliche Ethik wird auf der Basis von Verboten und Geboten entfaltet. Das Wesen der christlichen Toleranz ist nicht bloß die Einsicht in die Unausweichlichkeit der Sünden,6 sondern die Überwindung einer (eigentlich angebrachten) Schuldzuweisung – das Vergeben.
  2. Teilhabe an der Liebe Gottes: Das Gebot des Vergebens ergibt sich aus der symmetrischen Teilhabe an Gott. Die unbedingte Nächstenliebe ist als Abwandlung der göttlichen caritas zu verstehen, und beruht auf dem gleichen intrinsischen Wert jedes Menschen, einer Art gottgegebener Würde.7
  3. Gott als Richter: Das Vergeben ist insofern eingeschränkt und normativ entschärft, als dass das letztliche Urteil bei Gott liegt. Menschen können vergeben, ohne das normative Grundgerüst zu gefährden, weil es schlussendlich nicht an ihnen liegt, die Einhaltung der Regeln bewerten. Menschen können deshalb vergeben, weil Gott es nicht immer tut. Die bekannteste poetisch-philosophische Darstellung dieser „außerweltlichen Justiz“ ist wohl Dantes Divina Commedia.

Die Ähnlichkeit zwischen der stoischen Toleranz und dem christlichen Vergeben ist nur oberflächlicher Natur; die philosophischen Grundlagen sind hingegen grundverschieden.

Die christliche Ethik vermeidet das Problem der normativen Leere durch eine axiomatische Setzung von Regeln (deren Richter nicht der vergebende Mensch sondern Gott ist) und einem universellen Wert, der jedem Menschen zugeschrieben wird.

  1. Es ist streng genommen nicht notwendig, den Solipsismus abzuwenden; die Stoa möchte jedoch Konzepte wie Brüderlichkeit und Nächstenliebe beibehalten, die in einem solipsistischen Weltbild nicht bestehen können.
  2. Zusammenfassend etwa: „Du sollst so handeln, wie es deiner Natur entspricht.“ Hier lauert ein naturalistischer Fehlschluss – ein anderer Schwachpunkt der Stoa.
  3. Ein dritter Weg, den die Stoa auch nicht geht, wäre schlicht die Setzung solcher Regeln als Axiome, der wir in der christlichen Philosophie wieder begegnen werden.
  4. Die Verallgemeinerung von mir auf Andere oder von Anderen auf mich muss nicht streng symmetrisch sein. Es ist zum Beispiel möglich, nur bestimmte Wünsche (die zum Beispiel über bloßes Begehren hinausgehen) auf Andere zu übertragen und zum Ursprung für Normen zu machen. Irgendeine Form der Verallgemeinerung ist hingegen unerlässlich – man könnte sie allgemeine goldene Regel nennen.
  5. Der Grund dafür ist die im letzten Artikel beschriebene Einschränkung des Willens auf vollständig beherrschbare, intellektuelle Güter. Ohne sie könnte der erste Weg noch gegangen werden.
  6. In der Stoa ist praktische Philosophie mehr oder weniger direkt aus der Erkenntnistheorie herleitbar – korrektes Erkennen impliziert richtiges Handeln. Im christlichen Weltbild ist das keinesfalls so.
  7. Ein ähnlicher Gedankengang findet sich zwar auch bei Epiktet: „Du bist bevorzugt, du bist ein Stück von Gott.“ (Epiktet, 1996: Handbüchlein der Moral und Unterredungen, Zürich: Diogenes, S. 98), doch er bleibt bei einer rein deskriptiven Symmetrie, die keine normativen Konsequenzen hat.